Zurück zur Natur - oder was ist die "Prä-/Post Verwechslung"

Aktualisiert: Feb 13



Der Begriff Prä-/Post Verwechslung stammt von Ken Wilber, der in Bezug auf die menschliche Bewußtseinsevolution eine interessante Beobachtung gemacht hat. Oft kommt es zu fatalen Missverständnissen, wenn jemand glaubt, dass jemand anderes aus den selben Gründen die scheinbar gleiche Haltung zu einer Sache einnimmt, in Wirklichkeit jedoch in die entgegengesetzte Richtung zielt. Was darunter zu verstehen ist, läßt sich am besten durch Beispiele verdeutlichen. Beispiel: "Zurück zur Natur" Assoziationen zu "Zurück zur Natur" können in sehr gegensätzliche Richtungen gehen. Oft wird der Slogan "Zurück zur Natur" sogenannten Gutmenschen zugeschrieben (mit Gutmenschen sind Menschen gemeint, die eigentlich etwas gutes bezwecken, jedoch am Ende die Situation verschlimmern, weil sie ihr Tun nicht zuende gedacht haben), womit unterstellt wird, dass jene das Rad der Entwicklung zurückdrehen wollen. Das liegt auch daran, dass es durchaus Gutmenschen gibt, die die Entwicklungen der Moderne in diesem Sinne verteufeln. Die entgegengesetzte Richtung geht dahin, dass der Entfremdung des Menschen von der Natur sowie deren unwiderbringlichen Zerstörung entgegengewirkt werden soll. In der Ökologie steht dabei der Begriff "Suffizienz" für einen lösungsorientierten Ansatz, der auf Fortschritt baut. Einerseits soll es darum gehen, den verlorengegangenen Bezug zur Natur wiederzufinden, anderseits sollen die Fortschritte der menschlichen Entwicklung dabei berücksichtigt, d.h. auf verträgliche Weise integriert werden. Was hat es dabei nun mit der "Prä-/Post Verwechslung" auf sich? Beim Thema "Zurück zur Natur" zeigt sich, dass der rückwärtsgewandte Blick scheinbar das selbe Ziel hat, wie der fortschrittsorientierte. Jene, die mit "Zurück zur Natur" meinen, das Rad der Entwicklung zurückdrehen zu müssen, glauben sie seien am Zenit der Zeit, weil sich vieles gegenwärtig um dieses Thema dreht, ihnen dabei jedoch die Erkenntnis fehlt, dass im Sinne von Suffizienz, ein Zurückdrehen weder möglich noch erstrebenswert ist. Beide möchten zurück zur Natur, bloß in völlig entgegengesetzte Richtungen. Einsicht ist dabei der Knackpunkt, wer sie nicht besitzt, ist demnach "Prä-" einsichtig und wer sie besitzt ist "Post-"einsichtig. Eine Verwechslung findet statt, wenn man nun glaubt, dass man zum Erreichen des Ziels in die selbe Richtung arbeitet. Beispiel: Glaube, Religion, Spiritualität Noch deutlicher wird es z.B. beim Thema Glaube und Religion: Mit der Aufklärung und den einhergehenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Moderne, ist sehr viel von dem was vorher geglaubt wurde als falsch erkannt worden. In der Folge ist für viele Menschen "das Kind mit dem Bade ausgeschüttet" und Glaube und Religion gänzlich in Frage gestellt worden. Jedoch entdecken immer mehr Menschen, dass Glaube, Religion oder Spiritualität einen wichtigen Bestandteil ihres Daseins ausmachen und es gilt, diese zu kultivieren, jedoch auf einer neuen Ebene, welche mit den Erkenntnissen der Moderne nicht im Widerspruch stehen. Wer nun diese neue Ebene verwechselt mit der alten und die überkommenen Glaubensinhalte (Aberglaube und wissenschaftlich widerlegte Dinge) wieder annimmt, jedoch meint zu den postmodernen spirituellen Menschen zu gehören, begeht die sogenannte Prä-/Post Verwechslung. Beispiel: Antiautoritäre Erziehung Ein weiteres Beispiel für eine Prä-/Post Verwechslung findet man häufig beim Verständnis von "Antiautoritärer Erziehung". Dieser Ansatz ist ursprünglich als besonders verantwortungsvolle Art der Erziehung entwickelt worden, bei welcher elterliche "autoritäre" Willkür überwunden werden soll, da sie die Kinder im Zweifelsfall zu hörigen und mit Druck und Angst fügig gemachten Menschen zu "erziehen" vermag. Wer sich nicht wirklich mit dem Thema auseinandersetzt, glaubt leicht, dass Antiautoritäre Erziehung mit Nicht-Erziehung gleichzusetzen ist. Tatsächlich gibt es nicht wenige Eltern, die glauben ihre Kinder antiautoritär zu erziehen, wobei sie sie in Wirklichkeit nur schlecht wenn überhaupt erziehen, da sie meinen ihren Kinder "alle Freiheiten lassen" und ihnen dadurch in Wirklichkeit nicht aufzeigen, welche Grenzen es für das menschliche Miteinander zu berücksichtigen gilt. Der Antiautoritären Erziehung geht es in Wirklichkeit darum, dass die Eltern ihre Autorität als positives Vorbild ihren Kindern gegenüber auf natürliche Weise erwerben und jede Art von Willkür, weil z.B. ein Elternteil gerade "schlecht drauf" ist, überwunden wird und das Kind seinem Verständnishorizont entsprechend zu echter Einsicht gebracht wird, auch wenn das noch so anstrengend ist. Die Verwechslung liegt hier in den Begriffen Antiautoritär und Antiautorität. Bei Antiautoritärer Erziehung geht es eigentlich darum, dass sich Eltern zu Autoritäten entwickeln, die nicht autoritär erziehen. Der Unterschied liegt in der Einsicht: Wer nicht erzieht, erzieht natürlich auch nicht autoritär - wobei die Einsicht fehlt, dass "Antiautoritäre Erziehung" damit nicht gemeint ist, also "Prä"-einsichtig ist. Ist die Einsicht hingegen da und wird entsprechend antiautoritär erzogen, dann ist dies "Post"-einsichtig. Da in beiden Fällen nicht autoritär erzogen wird, könnte man glauben, dass es das selbe ist. Wirklich interessant wird dieser Umstand, wenn es um politisches Engagement geht oder die Kultivierung von Wissen und Bewußtsein. Wo betrifft das jeden einzelnen von uns? Beispielsweise haben sich in den 60er-Jahren viele junge Männer aus Protest gegen den Mainstream oder das "Establishment" die Haare lang wachsen lassen. Wenig später haben andere das gleiche gemacht, weil es Mode geworden war, also gerade durch den Mainstream. Wenn sich hier dann ein Mainstream-Jugendlicher zu den Protestlern zählte, nur weil er auch lange Haare trug, dann ist dies eine Prä-/Post Verwechslung.

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